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Awaren
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Die Awaren (auch Avaren) waren im FrĂŒhmittelalter Herrscher ĂŒber ein Steppenreich mit dem Schwerpunkt in der Pannonischen Tiefebene. Ihr Herrschaftsgebiet umfasste den Ostteil Ăsterreichs, die heutigen LĂ€nder Ungarn, Slowakei, Slowenien, groĂe Teile von Tschechien, sowie Teile von RumĂ€nien, Kroatien, Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Moldawien und Bulgarien und den Ă€uĂersten Westen der Ukraine und Ă€uĂersten SĂŒden von Polen. Ăber 200 Jahre lang waren sie der wichtigste Machtfaktor zwischen dem FrĂ€nkischen und dem Byzantinischen Reich. Sie gingen aus einem BĂŒndnis verschiedener StĂ€mme und Reitervölker hervor und standen in Verbindung mit Slawen sowie Völkern aus Zentral- und Ostasien.cite-ref-1[1]
Den Status als Aware oder Slawe bestimmte spĂ€ter nicht die ethnische Zugehörigkeit, sondern das soziale Prestige. Nach zeitgenössischen Quellen bildeten die Awaren eine herrschende, aber zahlenmĂ€Ăig geringe Oberschicht in ihrem Reich. Nach den Eroberungskriegen Karls des GroĂen verloren die Awaren zu Beginn des 9. Jahrhunderts ihre politische Bedeutung, kurz darauf auch ihre kulturelle IdentitĂ€t.cite-ref-dopsch-steppenv-lker-2-0[2]
Contents
âą Herkunft
âą Geschichte
âą Siedlungsgebiet
⹠Bevölkerung
âą Grenzen
âą Nachwirkungen
âą Literatur
âą Weblinks
âą Anmerkungen
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Herkunft
Siehe auch
:
Awarische Sprache (Steppenvolk)
Der byzantinische Historiker Theophylaktos Simokates beschreibt die Awaren, die im 6. Jahrhundert erstmals mit dem Byzantinischen Reich in Kontakt traten, als Föderation zweier ostasiatischer StĂ€mme: den Uar (oder Var) und den Kunni (oder Khuni). Diese These wurde in Europa bis ins 18. Jahrhundert unreflektiert ĂŒbernommen.
Sie wurde erstmals vom französischen Orientalisten Joseph de Guignes (1721â1800) in Frage gestellt; er deutete die Awaren als ehemalige Mitglieder der Stammesföderation Rouran (chinesisch æç¶, mit ihrerseits unbestimmter Sprache). Er begrĂŒndete dies unter anderem mit der Chronologie der historischen Ereignisse, mit der Gewohnheit sowohl der Awaren wie auch der Rouran, ihre Haare zu Zöpfen zu flechten und mit etymologischen Argumenten; das chinesische Geschichtsbuch LiĂĄng ShĆ« (æąæž) beschreibt nĂ€mlich, dass es bei den Rouran einen Stamm der War gab. Zahlreiche Historiker ĂŒbernahmen in der Folge die Rouran-Theorie;cite-ref-3[3] sie kann heute als vorherrschend bezeichnet werden. FĂŒr den französischen Historiker RenĂ© Grousset sind die Awaren, wenn sie keine Rouran sein sollten, Hephthaliten (âweiĂe Hunnenâ).cite-ref-4[4] Auch der deutsche Sprachwissenschaftler Harald Haarmann setzt die Awaren mit den Hephthaliten gleich.cite-ref-5[5]
Nach der EncyclopĂŠdia Iranica gehörten die Awaren, wie auch die spĂ€teren Mongolen, zu der Nomadenkonföderation Xianbei und waren âohne Zweifel der erste von westlichen Historikern geschichtlich erfasste ostasiatische Stammâ.cite-ref-iranica-6-0[6] Die mögliche mongolische Herkunft der Awaren wird von einigen Sprachwissenschaftlern unterstĂŒtzt: Sowohl fĂŒr den französischen Orientalisten Paul Pelliot wie auch fĂŒr den deutschen Turkologen Karl Heinrich Menges ist das Awarische eine mongolische Sprache, jedoch ist diese Ansicht umstritten.
Manche Linguisten und Historiker favorisieren eine tungusische Herkunft.cite-ref-7[7] Andere Forscher gehen davon aus, dass die Awaren turksprachig waren oder zumindest ein Teil der Awaren einem Turkvolk angehörten (dann wahrscheinlich dem oghurischen Sprachzweig).cite-ref-dopsch-steppenv-lker-2-1[2] In der Forschung wird aber auch eine Mehrsprachigkeit bzw. ein Sprachwechsel von Awaren vertreten, was eine genaue Zuordnung erschwert.cite-ref-8[8]
Laut Florin Curta et al. waren die Awaren kein homogener Stammesverband. Sie finden Indizien, dass iranischsprachige VerbĂ€nde Teil der Awaren-Konföderation waren. Auch die Linguistin Johanna Nichols vermutete, dass die Herrscherschicht der Awaren eine iranische Sprache benutzte. UnterstĂŒtzt wird ihre Hypothese von iranischen Lehnwörtern in lokalen slawischen Sprachen und Ortsnamen in dem Gebiet der Awaren.cite-ref-9[9]
HerĆĄak und SiliÄ et al. bezeichnen die Awaren ebenfalls als heterogenen Stammesverband, kommen aber zu dem Schluss, dass die Kerngruppe aus oghurischen Turkvölkern bestand, die im Laufe ihrer Migration kleinere germanische und slawische StĂ€mme assimilierten.cite-ref-10[10]
Funde wie jene des ungarischen ArchÀologen Csanåd Bålint belegen zumindest die geographische Herkunft der Awaren, nÀmlich aus Ostasien bzw. Sibirien und damit aus dem Gebiet der Rouran bzw. Hephtaliten.cite-ref-11[11]
Genetische Untersuchungen
Nach manchen genetischen Forschungen sollen die Awaren aus dem Inneren Asiens stammen (Mongolei und nördliches China), da die weibliche mitochondriale-DNA-VariabilitÀt untersuchter Proben mehrheitlich (64 %) zu asiatischen Haplogruppen gehört. Demnach zeigen die untersuchten Awaren eine enge Verwandtschaft zu heutigen Kasachen, Mongolen, tungusischen Völkern sowie Han-Chinesen.cite-ref-12[12]
Genomanalysen von AwarengrĂ€bern in Ăsterreich und Ungarn (Post et al. 2019) zeigten, dass die Awaren hauptsĂ€chlich der vĂ€terlichen Y-DNA Haplogruppe N angehörten. Diese hat ihren Ursprung im nordöstlichen China (Mandschurei) und wird heute hauptsĂ€chlich in Turkvölkern Sibiriens und Chinas gefunden sowie in uralischen Völkern Nordasiens. In Stichproben aus Ăsterreich und aus solchen ungarischer Abstammung kommt die awarische N-Linie heute in etwa 4 bis 7 % (Ăsterreich) bzw. 3 bis 4 % (Magyaren) vor.cite-ref-13[13]cite-ref-14[14] Eine kleinere Anzahl an Proben, die den Awaren zugerechnet werden, gehörten der Haplogruppe R1a (R1a-Z94) und J (J1a und J2b) an, die iranischen Gruppen zugerechnet wird.cite-ref-0-15-0[15]
Die Personen ostasiatischer Herkunft, die in prunkvollen GrĂ€bern der frĂŒhen Awarenzeit bestattet wurden, waren einer Studie aus dem Jahr 2022 zufolge wahrscheinlich aus dem Gebiet der Rouran nach Europa migriert, nachdem deren Herrschaft Mitte des 6. Jahrhunderts zusammengebrochen war. Personen aus GrĂ€bern in Randsiedlungsgebieten und spĂ€teren Zeitabschnitten wiesen eine heterogenere Herkunft auf. Diese Befunde deuten darauf hin, dass die eingewanderte awarische Elite durch UnterstĂŒtzung einer heterogenen lokalen Elite ĂŒber eine genetisch diverse Bevölkerung herrschte.cite-ref-16[16]
Eine 2022 veröffentlichte Studie ausgesuchter Proben (neun aus der Zeit der Hunnen, 143 aus der Zeit der Awaren und 113 aus der Zeit der ungarischen Eroberung) stellte fest, dass Hunnen und Awaren âverwandter Herkunftâ seien (ârelated ancestryâ). Die Mehrheit der aus GrĂ€bern der Elite stammenden Proben waren ostasiatischen Ursprungs und wahrscheinlich der Kern der immigrierenden Gruppe, die auch die Herrscherschicht bildete. Die Mehrheit der Proben aus GrĂ€bern der einfachen Bevölkerung waren lokalen Ursprungs, wobei es auch zur Vermischung beider Gruppen kam. Demnach bildeten Menschen âeinheimischer europĂ€ischerâ Herkunft (ânative European ancestryâ) die Mehrheit der Bevölkerung, jedoch konnte sich die ostasiatische PrĂ€gung der Awarenelite lange halten und ging erst nach dem Zerfall des Awarenreichs in der Mehrheitsbevölkerung auf. Des Weiteren zeigte eine Minderheit von Proben aus ElitegrĂ€bern einen iranischen Ursprung auf, was der Studie zufolge auf eine zweite Komponente der migrierenden Awaren hindeute, die in Verbindung zu den Skythen sowie den Alanen oder Sarmaten Zentralasiens, erklĂ€rbar ist. Demnach schlossen sich iranische Nomaden wĂ€hrend ihrer Migration der Rouran Richtung Europa an.cite-ref-0-15-1[15] Eine 2024 veröffentlichte Studie zu den sozialen und gesellschaftlichen Praktiken im Awarenreich kam zur Erkenntnis, dass die Awaren einem strengen patrilinealen System folgten (Levirat). Demnach spielte die Herkunft und soziale Abstammung eine groĂe Rolle. Die Auswertung der genetischen Daten unterstĂŒtzte die These, dass die Elite der Awaren von den Rouran aus der heutigen Mongolei abstamme, die nach dem Fall des Rouranreichs durch Zentralasien bis nach Europa migrierte.cite-ref-17[17]
DNA-Analysen etwa von Skeletten aus GrĂ€berfeldern helfen zwar bei der Erforschung, weisen ihrerseits aber ebenfalls Probleme auf, da Grabfunde nicht immer eindeutige Zuordnungen erlauben und genetische Befunde an sich wiederum nichts ĂŒber die kulturelle IdentitĂ€t aussagen. Insofern ist die Kooperation zwischen PalĂ€ogenetikern, ArchĂ€ologen und Historikern wichtig, um die verschiedenen Ergebnisse in einen gesamtheitlichen Kontext einbetten zu können.cite-ref-18[18]
Historische Entwicklung
Die exakte Herkunft jenes Volkes, das im 6. Jahrhundert nördlich des Schwarzen Meeres in Erscheinung trat und bald darauf ein bis ins 9. Jahrhundert bestehendes Reich zwischen Alpen und Karpaten begrĂŒndete, ist jedoch insofern nur von eingeschrĂ€nkter Bedeutung, als es im Laufe der kommenden 250 Jahre zunehmend ethnisch heterogen wurde. Der Begriff âAwareâ wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits ab etwa 600 synonym fĂŒr die Oberschicht des Awarischen Reiches verwendet und sagte somit immer weniger ĂŒber die Herkunft als ĂŒber den Status einer Person aus. Im 7. Jahrhundert bezeichneten sich auch Bulgaren, Gepiden und Slawen des Awarenreiches als Awaren, sobald sie zur herrschenden Klasse aufsteigen konnten.cite-ref-19[19] Die Anzahl der landnehmenden Awaren wird auf 200.000 bis 250.000 Menschen geschĂ€tzt, die slawischen, germanischen und provinzialrömischen Volkselemente inbegriffen, die an der Wanderung freiwillig oder unfreiwillig teilnahmen. Awaren i. e. S. waren vermutlich nur rund 100.000.cite-ref-20[20]
Geschichte
Awarische FrĂŒhzeit (bis 561)
Nach 555 zogen die Awaren (vielleicht Reste der Rouran) unter dem Druck der Kök-TĂŒrken (siehe Sizabulos) nach Westen. SpĂ€testens 557 befanden sie sich im Steppengebiet des spĂ€teren SĂŒdrusslands und der Ukraine. Der awarische Botschafter Kandich stellte mit Hilfe der Sarmaten (vermutlich Alanen) Kontakt mit Kaiser Justinian I. her, und es kam im Januar 558 zu einem Treffen in Konstantinopel.cite-ref-21[21] Dabei wurde ein Vertrag geschlossen, der in dieser Form zwar nur bis 565 hielt, aber die Grundlage fĂŒr weitere VertrĂ€ge bis 626 bildete. Im Kern besagten alle diese VertrĂ€ge, dass das Byzantinische Reich Tribut an die Awaren zu zahlen hatte, diese wiederum Byzanz nicht angreifen â anfangs sogar den Byzantinern in ihren Kriegen beistehen sollten. Die anfĂ€nglichen BetrĂ€ge sind nicht exakt bekannt, es dĂŒrfte sich jedoch vorwiegend um Schmuck und andere WertgegenstĂ€nde gehandelt haben. Im Laufe der Jahre stiegen die Zahlungen von anfangs 80.000 Solidi pro Jahr (ab 574), auf 100.000 (ab 585), 120.000 (ab 598), 150.000 (ab 604), 180.000 (ab 619) und zuletzt auf 200.000 Solidi pro Jahr (ab 623). Aus der Warte der Oströmer waren die Awaren ab 558 Foederaten des Byzantinischen Reichs.
Um 560 besiegten die Awaren die Protobulgaren am Schwarzen Meer, zogen aber wegen der sie verfolgenden GöktĂŒrken weiter in Richtung Balkan.cite-ref-22[22]
Ăbernahme der Herrschaft in Pannonien (562 bis 568)
In den Jahren 562 und 566 kam es zu Schlachten zwischen den Awaren unter Baian und den Franken unter Sigibert I.; in der ersten Schlacht unterlagen die Awaren, in der zweiten waren sie siegreich.cite-ref-23[23] Möglicherweise handelten sie dabei auf byzantinische Weisung, um eine weitere Front gegen die Franken zu eröffnen, mit denen Byzanz zu diesem Zeitpunkt in Norditalien im Krieg lag. Nach seiner Niederlage schloss Sigibert einen Friedensvertrag mit den Awaren. Damit war das westliche Grenzgebiet des kurz darauf entstehenden Awarenreichs diplomatisch gesichert.cite-ref-24[24]
Nachdem sie im Jahr 567 gemeinsam mit den Langobarden das Reich der Gepiden, das sich im spĂ€teren SiebenbĂŒrgen befand, zerstört hatten, lieĂen sie sich vor allem in der Pannonische Tiefebene nieder und ĂŒbernahmen die Herrschaft ĂŒber Pannonien von den nach Italien abziehenden Langobarden. Schon frĂŒh fand dort eine Besiedlung mit tributpflichtigen Slawen statt, wie unter anderem Grabfunde aus Hennersdorf bei Wien zeigen. Die Awaren vermischten sich aber wohl auch mit den in der ungarischen Tiefebene verbliebenen Resten der Hunnen.
Nur ein Jahr nach der Vertreibung der Gepiden zogen auch die Langobarden unter Alboin und damit der letzte germanische Stamm der gesamten Region Richtung Italien. Das Reich der Langobarden blieb bis zu seinem Untergang im Jahr 774 einer der wichtigsten VerbĂŒndeten der Awaren. Alboin ĂŒberlieĂ mit dem Abzug seines Stammes den Awaren die Herrschaft ĂŒber das gesamte Karpatenbecken und den Donauraum. Die dadurch ausgelöste Wanderlawine markiert das Ende der Völkerwanderungszeit und den Anbruch des Mittelalters. Aus der Sicht der Awaren handelte es sich um die Landnahme; von hier aus beherrschten sie etwa 250 Jahre lang ein Reich, das im Westen an das FrĂ€nkische Reich und im SĂŒden an Byzanz grenzte. Nördlich und östlich der Awaren siedelten Slawen.
Erster Höhepunkt der Macht (569 bis 591)
Im Jahr 574 kam es nach zahlreichen ScharmĂŒtzeln zwischen Awaren und Oströmern auf dem Balkan zur einzigen groĂen Feldschlacht zwischen diesen beiden europĂ€ischen GroĂmĂ€chten des FrĂŒhmittelalters; dabei besiegten die Awaren die Oströmer unter General Tiberios.cite-ref-25[25]
Nach der Errichtung zumindest einer DonaubrĂŒcke und dreijĂ€hriger Belagerung der Stadt eroberten sie 579 das strategisch und symbolisch wichtige Sirmium von Byzanz. Sie fĂŒhrten bis 586 einen Feldzug auf dem Balkan, der erst bei Adrianopel von Strategos Johannes Mystakon und seinem Adjutanten Drocto gestoppt werden konnte. Es folgten jahrzehntelang SlaweneinfĂ€lle auf römischen Boden, die zumindest bis 602 von den Awaren initiiert oder zumindest gutgeheiĂen wurden.cite-ref-26[26]
Zeit der Kriege am Balkan (592 bis 602)
Im SpĂ€tsommer 591 schloss Byzanz nach fast 20 Jahren Krieg einen Friedensvertrag mit dem persischen Reich und fĂŒhlte sich so mĂ€chtig genug, den unter awarischen und slawischen Einfluss gelangten Balkan zurĂŒckzuerobern. Bereits 592 eroberte das Heer des Kaisers Maurikios die Stadt Singidunum (MilitĂ€rstadt von Belgrad) von den Awaren. Unter dem Feldherrn Priskos versuchten die Oströmer, die HauptverbindungsstraĂen zwischen den römischen StĂ€dten sĂŒdlich der Donau wiederherzustellen und drangen sogar auf slawisches Territorium vor. Die awarischen und slawischen EinfĂ€lle auf Territorien sĂŒdlich der Donau wurden jedoch uneingeschrĂ€nkt fortgesetzt.cite-ref-whitby160ff-27-0[27] Die Beute von den PlĂŒnderungen der Slawen mussten die Oströmer mit den Awaren teilen.cite-ref-28[28] Priskos wurde als Oberbefehlshaber des byzantinischen Heeres von Maurikiosâ Bruder Petros ersetzt, dieser setzte bis 595 im Wesentlichen dieselbe Taktik fort. Zu nennenswerten ZusammenstöĂen zwischen Awaren und Oströmern kam es nicht.cite-ref-whitby160ff-27-1[27]
Im Jahr 595 versuchte der Merowinger Childebert II., den Kampf um Singidunum, in den die Awaren gerade verwickelt waren, fĂŒr einen Ăberfall auf awarisches Territorium an der Drau (heute KĂ€rnten) zu nutzen. Das bayerische Invasionsheer wurde jedoch von den Awaren vollstĂ€ndig aufgerieben. Als Vergeltung zog daraufhin ein awarisches Heer nach ThĂŒringen, und die Regentin Brunichild musste ihren Abzug erkaufen. Da es jedoch zu keinen weiteren VorstöĂen im Westen des Reiches kam, wird davon ausgegangen, dass es sich in erster Linie um eine Machtdemonstration des Awarischen Khagans handelte, und dass es darum ging, unmissverstĂ€ndlich klarzustellen, dass das Drautal zum awarischen Machtbereich gehörte. Möglicherweise wurde so aber auch â erfolgreich (es kam 15 Jahre zu keinen weiteren ĂberfĂ€llen der Bayern auf awarisches Territorium) â einem weiteren bayerischen Angriff, diesmal auf das pannonische Kernland der Awaren, vorgebeugt.cite-ref-29[29]
Von den Erfolgen an der Westfront des awarischen Reiches gestĂ€rkt, kam es ab 597 zu einer neuerlichen Offensive der Awaren auf dem Balkan. Priskosâ Heer musste sich in Tomis einschlieĂen, am 30. MĂ€rz 598 brachen die Awaren die Belagerung von Tomis jedoch ab, da sich General Komentiolos mit einem neu aufgestellten Heer Tomis nĂ€herte. Beim Kastell Iatrus besiegten die Awaren das Heer des Komentiolos. Die Awaren nutzten diesen Erfolg und stieĂen bis Drizipara zwischen Adrianopolis und Konstantinopel vor. Nur die Pest, durch die groĂe Teile des awarischen Heeres und sieben Söhne des Awarenkhagans Baian umkamen, konnte den Vormarsch stoppen. Durch Tributzahlungen konnten die Awaren zum Abzug bewogen werden. Noch im selben Jahr kam es zu einem Tributfrieden zwischen den Awaren und Byzanz.cite-ref-30[30]
Bereits im Sommer 599 brachen die Oströmer den Friedensvertrag mit den Awaren wieder. Priskos und Komentiolos ĂŒberquerten bei Viminacium die Donau und besiegten ein eilig aufgestelltes Heer unter dem Kommando von Söhnen des Baian, die den Pestausbruch von 598 ĂŒberlebt hatten. Priskos stieĂ sogar in die pannonische Tiefebene und Landstriche östlich der TheiĂ vor, wĂ€hrend Komentiolos nahe der Donau verharrte. Bis 602 kam es zu weiteren PlĂŒnderungszĂŒgen auf awarisches Territorium, wobei es 599 zu einem besonders grausamen Massaker an drei gepidischen Dörfern mit 30.000 Todesopfern kam. Im Jahr 602 fĂŒhrten die Awaren unter Apsich einen vernichtenden Schlag gegen die Anten, die Bundesgenossen der Oströmer waren, am Schwarzen Meer durch. Dennoch war das awarische Reich empfindlich destabilisiert; eine Gruppe von Awaren desertierte sogar. Doch auch das byzantinische Heer war geschwĂ€cht und demoralisiert: Als der Kaiser Ende 602 den Befehl gab, nördlich der Donau zu ĂŒberwintern, meuterten seine Truppen, zogen nach Konstantinopel, und der Unteroffizier Phokas löste den Kaiser ab.cite-ref-31[31]
Neue BlĂŒtezeit (603 bis 626)
Der neue Kaiser von Byzanz musste sich bald wieder dem persischen Reich widmen und schloss deshalb einen neuen Tributfrieden mit dem awarischen Reich. AuĂerdem zog er Truppen vom Balkan an seine Ostgrenze ab. Unter seinem Nachfolger Herakleios wurde der Balkan endgĂŒltig aufgegeben. Die Awaren erzielten zunĂ€chst Erfolge gegen die Langobarden in Friaul 610 und gegen die Franken 611. AnschlieĂend vollendeten sie auf der Balkanhalbinsel das, was ihnen 598 verwehrt geblieben war. Zusammen mit den von ihnen unterworfenen Slawen belagerten die Awaren mehrmals Thessaloniki, zuletzt 626 mit Hilfe des persischen Sassanidenreiches sogar die oströmische Hauptstadt Konstantinopel, was aber misslang (â Belagerung von Konstantinopel (626)).
Zeit der SlawenaufstÀnde (627 bis 658)
Ihren im Kampf gegen Maurikios verlorenen Ruf der Unbesiegbarkeit konnten die Awaren nicht mehr herstellen. Im Verlaufe der folgenden Jahrzehnte entzogen sich immer mehr slawische FĂŒrsten dem direkten awarischen Einfluss. GrĂŒnde waren der Fredegarchronik zufolge, dass sie gezwungen waren, in den ersten Reihen in der awarischen Armee zu kĂ€mpfen, dass sie den Awaren hohen Tribut leisten mussten, sowie dass die Awaren bei den Slawen alljĂ€hrlich den Winter verbrachten und mit den slawischen Frauen Kinder zeugten. Die AufstĂ€ndischen waren den Quellen zufolge Kinder awarischer VĂ€ter und slawischer MĂŒtter. Der Aufstand brach aus, als die meisten Awaren gerade in einem Heer dienten, das Konstantinopel belagerte. Der frĂ€nkische Kaufmann Samo soll im Raum Wiencite-ref-32[32] oder in der NĂ€he der March den gröĂten dieser SlawenaufstĂ€nde geleitet haben und 35 Jahre lang eine Konföderation mehrerer mehr oder weniger selbststĂ€ndiger âFĂŒrstentĂŒmerâ (ducates) regiert haben. Im Jahr 632 entsandte Dagobert I. vier Heere gegen Samo; die Alamannen unter Chrodobert und die friulanischen Langobarden plĂŒnderten in erster Linie, das austrasische Hauptheer sollte in das Herz des Samo-Reiches vordringen, wurde aber bei Wogastisburg, dessen Lage unbekannt ist, geschlagen. Daraufhin unternahmen die Slawen unter Samo mehrfach EinfĂ€lle in ThĂŒringen und im östlichen Frankenreich. Dabei soll sich auch Derwan (Dervan), ein frĂ€nkischer FĂŒrst (dux) der im Elbe-Saale-Gebiet ansĂ€ssigen Sorben, Samo angeschlossen haben. Es folgten weitere EinfĂ€lle in das Frankenreich, bis zum Tod Samos um das Jahr 658. Bereits um 650 kehrten die ersten Awaren wieder in die heutige Westslowakei zurĂŒck und spĂ€testens im 8. Jahrhundert auch nach SĂŒdmĂ€hren; sie lebten dort wieder mit den Slawen zusammen.
Am östlichen Ende des Awarenreiches sowie im SĂŒden schĂŒttelten ebenfalls vereinzelte slawische FĂŒrsten die Awarische Oberhoheit ab und zogen in den SĂŒden, auf die Balkanhalbinsel. Damit war der Höhepunkt der Macht der Awaren ĂŒberschritten und die Feindschaft zu Byzanz in Ermangelung einer gemeinsamen Grenze beendet.
Sozialer Wandel (659 bis 739)
Am Ende des 7. Jahrhunderts beherrschten die Awaren noch ganz Pannonien sowie Karantanien, somit im Wesentlichen Teile des heutigen Ăsterreichs, die Slowakei, Slowenien, Ungarn und RumĂ€nien. Im Osten reichte ihr Einfluss bis an den Dnister in der heutigen Republik Moldau und zeitweise sogar an den Dnepr in der heutigen Ukraine. Neben den Ebenen des Reiches wurden zunehmend auch die Territorien im Gebirge gesichert und vergröĂert.cite-ref-33[33] Der ĂŒberwiegende GroĂteil der Bevölkerung wurde sesshaft, es kam zu einem Verschwinden der ethnischen, aber auch der sozialen Grenzen. Die Dörfer wurden gröĂer und bevölkerungsreicher. Die mit Waffen ausgestatteten GrĂ€ber aus dieser Zeit beschrĂ€nken sich auf die Grenzgebiete und strategisch wichtige Orte.
Angriffe aus dem Westen (740 bis 803)
Um 740 wandte sich der Herzog der Karantanen Borouth an den baierischen Herzog Odilo um Hilfe gegen die Awaren. 741 wurden die Awaren von Odilo geschlagen. Danach sind jahrzehntelang keine Auseinandersetzungen an der awarischen Westgrenze bekannt. Entscheidenden Einfluss auf die Politik des Awarenreichs gewann die Ăbernahme des Frankenreiches durch Karl den GroĂen. 773/774 unterwarf der Frankenkönig die Langobarden unter deren König Desiderius und lieĂ sich danach selbst zum König der Langobarden krönen. Damit verloren die Awaren ihren besten VerbĂŒndeten. 776 flohen langobardische Oppositionelle nach einem gescheiterten Aufstand an den Hof des Khagans. Auch mit den benachbarten Baiern pflegten die Awaren friedliche Beziehungen. 781 musste Baiernherzog Tassilo III. vor Karl den Lehenseid erneuern und Geiseln stellen. Daraufhin sandte der Khagan 782 âwegen des Friedensâ Gesandte zum König der Franken nach Lippspringe. Gleichzeitig lieĂ er an der Ennsgrenze ein groĂes awarisches Heer aufmarschieren, ĂŒberschritt aber die Grenze nicht. 788 ĂŒbernahm Karl endgĂŒltig auch die Macht in Baiern. Ab nun waren die Awaren an ihrer Westgrenze auf sich allein gestellt.
Noch im selben Jahr reagierten die Awaren kriegerisch, indem sie das langobardische Friaul angriffen, ohne dabei nennenswerte Erfolge zu erzielen. Auf dem Ybbsfeld an der Donau griffen hingegen die Franken an und errangen unter deren FĂŒhrern Graman und Otakar einen Sieg gegen die Awaren. 788 versuchten die Truppen des Khagans einen Vergeltungsschlag in Baiern, wo sie aber wieder verloren. Daraufhin lieĂen die Awaren von weiteren Angriffen ab. Der frĂ€nkische Adel hingegen fand neues Interesse daran, seinen Besitz ins Land jenseits der Enns hinein auszuweiten. 790 kamen abermals awarische Gesandte, um in Worms ĂŒber die Reichsgrenze zu verhandeln. Ergebnislos. Offensichtlich forderten die Franken Gebietsabtretungen und die Awaren hielten am Status quo fest.
791 eröffnete Karl der GroĂe den Krieg gegen die Awaren.cite-ref-awarenkriege-34-0[34] Den ersten (misslungenen) Feldzug des Nordheeres von 791 fĂŒhrte Karl persönlich an. Danach blieb aber wahrscheinlich immerhin das Land bis zum Wienerwald in frĂ€nkischer Hand und bald wurden dort frĂ€nkische StĂŒtzpunkte errichtet, beispielsweise in Comagena-Tulln und Aelium Cetium-St. Pölten. Karls Sohn Pippin von Italien griff von Italien aus an. Vermutlich unweit von Cividale eroberte er eine awarische Grenzbefestigung. Zahlreiche Awaren wurden dabei getötet, etwa 150 gefangen genommen. Nun konnte sich die awarische FĂŒhrungsschicht nicht auf die weitere Vorgangsweise einigen. Ein BĂŒndnisangebot der Sachsen fĂŒhrte zu nichts. SchlieĂlich brach das awarische FĂŒhrungssystem zusammen und 795 ein BĂŒrgerkrieg aus, dem die beiden obersten FĂŒhrer Khagan und Iugurrus zum Opfer fielen. Danach ĂŒbernahm der Tudun die Macht. 795 sandte er Abgeordnete nach Hliune an der Elbe und lieĂ Karl dem GroĂen die Unterwerfung von Tudun und seinem Volk sowie die Annahme des Christentums unterbreiten. Doch die Franken nĂŒtzten die SchwĂ€chung der Awaren fĂŒr einen neuerlichen Angriff.cite-ref-awarenkriege-34-1[34]
Der zweite Feldzug der Franken war sorgfĂ€ltig vorbereitet. Möglicherweise gehörte auch der Bau der Fossa Carolina zu diesen Vorbereitungen. Der VorstoĂ von 795/796 unter FĂŒhrung Erichs von Friaul und König Pippins von Italien wurde ein durchschlagender Erfolg. Dabei fiel auch der fĂŒr die Menschen der Zeit auĂerordentlich groĂe Awarenschatz in die HĂ€nde der Franken. Die Beute wurde nach Aachen ĂŒberfĂŒhrt, wo man sie unter geistlichen und weltlichen Getreuen Karls des GroĂen verteilte. Den gröĂten Teil schenkte Karl Papst Leo III.cite-ref-winter-35-0[35] 796 erschien der Tudun persönlich beim König der Franken, um sich zu unterwerfen und mitsamt seinem Gefolge die Taufe zu empfangen. Doch sein Treueversprechen hielt nur kurz.cite-ref-awarenkriege-34-2[34] Eine Reihe von KĂ€mpfen mit den Franken begleitete den weiteren Niedergang. So fiel am 1. September 799 der PrĂ€fekt von Baiern und des bairischen Ostlandes Gerold im Kampf gegen die Awaren.
Die Awaren, inzwischen lĂ€ngst sesshaft, verloren den Kontakt zu den ĂŒbrigen Steppenvölkern und ihr politischer Einfluss nahm ab. Schon im Zuge des ersten Feldzuges Karls von 791 wurde ĂŒber deren Christianisierung beraten. Die Ăberreste der awarischen Bevölkerung wurden letztlich zwangschristianisiert. Um 800 errichtete der frĂ€nkische König (und ab 800 Kaiser) Karl der GroĂe zum Schutz der Handelswege und der Reichsgrenzen gegen die Awaren im Osten seines Reiches eine Grenzmark (Awarenmark). Die durch die zeitgenössische frĂ€nkische Propaganda verbreitete Kriegslust und AggressivitĂ€t der Awaren ist aufgrund der heutigen Erkenntnisse allerdings nicht zu belegen. Die jĂŒngere Forschung geht davon aus, dass die Zeit der gröĂeren awarischen KriegszĂŒge um 800 lĂ€ngst beendet war.cite-ref-winter-35-1[35] DafĂŒr spricht auch, dass Einhard in seiner Vita Karoli Magni von verhĂ€ltnismĂ€Ăig geringem Widerstand der Awaren bei Karls FeldzĂŒgen berichtet. Die von Einhard beschriebenen SchĂ€tze der Awaren wĂŒrden demnach aus lĂ€ngst vergangenen Zeiten stammen.
Anfangs wurde ihnen noch eine eigene Herrschaftsorganisation innerhalb der frĂ€nkischen Awarenmark (das sogenannte Awaren-Khaganat zwischen Carnuntum und Sabaria) zugestanden. Im (nach AufstĂ€nden in den Jahren 797 und 799) Dritten Awarenaufstand im Jahre 803 wurden die beiden frĂ€nkischen Grafen Cadaloc und Goteram I. (PrĂ€fekt des bairischen Ostlandes) beim Kastell Guntio (möglicherweise im nördlichen Burgenlandcite-ref-36[36] oder in GĂŒnzburgcite-ref-37[37]) getötet. Nach 803 traten die Awaren nicht mehr als Gegner der Franken auf.
Tributpflichtige Periode und Niedergang (804 bis 828)
Im 9. Jahrhundert sahen sich die Awaren zunehmenden Angriffen von Bulgaren, Kroaten und anderen SlawenstĂ€mmen ausgesetzt. Wie das Suda-Lexikon berichtet, dĂŒrfte vermutlich nach 804 der bulgarische Khan Krum bis an die TheiĂ vorgestoĂen sein und dort eine awarische Gruppe besiegt haben, die sich dem frĂ€nkischen Einfluss entzogen hatte. Laut Suda habe Krum awarische Gefangene befragt, warum ihr einst so mĂ€chtiges Reich untergegangen sei, und von ihnen âRechtsstreitigkeiten, HandelsgeschĂ€fte und ĂŒbermĂ€Ăigen Weingenussâ als Antwort bekommen. Einige Autoren gehen jedoch davon aus, dass die Bulgaren unter Krum in Wahrheit noch keinen Eroberungsfeldzug gegen die Awaren unternommen haben, sondern dass es unter Krums Regentschaft awarische ĂberlĂ€ufer zu den Bulgaren gab. Eine Eroberung des awarischen Territoriums erfolgte erst unter Khan Omurtag.cite-ref-38[38]
Im Jahre 811 nahmen auf jeden Fall awarische Hilfstruppen an einem Feldzug Krums gegen den byzantinischen Kaiser Nikephoros I. teil. Ebenfalls 811 wurde auf dem frÀnkischen Reichstag zu Aachen die Entsendung eines Heeres nach Pannonien beschlossen, um Streitigkeiten zwischen Awaren und Slawen zu schlichten.
Der ĂŒber zwei Jahrzehnte wĂ€hrende Krieg mit den Franken zwischen 788 und 803, innere politische und militĂ€rische Auseinandersetzungen sowie der Angriff der Bulgaren um das Jahr 804 schwĂ€chten das Reich entscheidend. Zudem verlor die awarische FĂŒhrungsschicht mit der Ăbernahme des Christentums ihre sakralen Traditionen. Vermutlich wurde das auf ein kleines Gebiet zusammengeschrumpfte, zu jener Zeit bereits zu Tribut an die Franken verpflichtete, Awarische FĂŒrstentum im Jahr 828 von Kaiser Ludwig dem Frommen aufgelöst; im Jahr 822 erschien auf jeden Fall zum letzten Mal eine Abordnung dieses Khaganats beim frĂ€nkischen Kaiser in Frankfurt.cite-ref-awarenkriege-34-3[34]
Nach 828 verloren die Awaren ihre Bedeutung als politische Macht. Ihr Siedlungsraum wurde zum gröĂten Teil in die Awarenmark des FrĂ€nkischen Reiches eingegliedert, wo noch bis zumindest 870 tributpflichtige Awaren nachweisbar sind.cite-ref-39[39]cite-ref-40[40] Diese Awaren unter frĂ€nkischer Herrschaft wurden beginnend mit dem Jahr 826 von Germanen und Slawen assimiliert; ein Teil wanderte in das zunĂ€chst noch freie, aber schon 827 bis 831 von den Bulgaren eroberte Gebiet östlich der frĂ€nkischen Grenze aus.cite-ref-schaffran279-41-0[41] Diesen zunĂ€chst noch selbstĂ€ndigen awarischen Territorien mangelte es aber weitgehend an politischer Einheit (âAwarenkonföderationâ) im Gegensatz zum Awarenkhaganat; zum Teil kam es auch zur freiwilligen Unterwerfung unter bulgarische oder frĂ€nkische Herrschaft.cite-ref-42[42]cite-ref-43[43]
Die Magyaren fanden bei ihrer Landnahme der Pannonischen Tiefebene zwischen 896 und 955 noch eine awarisch geprĂ€gte Kultur vor.cite-ref-44[44] Der Teil östlich der TheiĂ wurde bereits unter Khan Krum von den Bulgaren erobert und besetzt; diese Gebiete (etwa ein Drittel des ehemaligen Awarenreiches) wurden wĂ€hrend der Regierungszeit des Omurtag in das Bulgarische Reich eingegliedert.cite-ref-45[45] Im Norden ĂŒbernahmen die FĂŒrsten der MĂ€hrer die Macht ĂŒber das Land.cite-ref-pohl-46-0[46]
Chronik der Awaren vom 5. bis 9. Jahrhundert
âą 463: Die âWar und Chunniâ treten am Schwarzen Meer auf; ihre Verwandtschaft mit den davor vom Kaiserreich China besiegten War bzw. ihre frĂŒhere Zugehörigkeit zu den Rouran ist umstritten.
⹠558: Unter Botschafter Kandich wird diplomatischer Kontakt mit dem Byzantinischen Reich hergestellt; Beginn der Tributzahlungen des oströmischen Kaisers an die Awaren.
âą 560â568: Die Awaren ziehen immer weiter Richtung Westen â bis an die Grenzen des FrĂ€nkischen Reichs; unter anderem vertreiben sie die Gepiden und besiedeln die Pannonische Tiefebene sowie den Donauraum; Ende der Völkerwanderung.
âą 569â591: Die Awaren steigen unter Baian zur europĂ€ischen GroĂmacht auf; Sie besiegen das Byzantinische Reich in einer Feldschlacht, erobern von ihm das wichtige Sirmium im heutigen Serbien, fĂŒhren einen Balkanfeldzug bis Adrianopel und besiedeln die eroberten Gebiete mit Slawen; Die jĂ€hrlichen Tributzahlungen der Oströmer steigen auf 100.000 Solidi pro Jahr.
âą 592â595: Das Byzantinische Reich fĂŒhrt einen Feldzug am Balkan; die Beute von den PlĂŒnderungen der Slawen werden mit den Awaren geteilt.
⹠595: Die Franken greifen die Awaren im heutigen KÀrnten an, können aber besiegt werden.
âą 597â598: Neuerlich direkte KĂ€mpfe zwischen Oströmern und Awaren, bei denen die Awaren bis Konstantinopel vordringen; Die jĂ€hrlichen Tributzahlungen der Oströmer steigen auf 120.000 Solidi pro Jahr.
âą 599â604: Das Byzantinische Reich greift die Awaren an und dringt bis an die Donau vor, der Feldzug muss jedoch aufgrund einer Meuterei wieder beendet werden; Die jĂ€hrlichen Tributzahlungen der Oströmer steigen auf 150.000 Solidi pro Jahr.
âą 604â611: Das Byzantinische Reich gibt den Balkan endgĂŒltig auf; die Awaren besiegen die Langobarden in Friaul sowie neuerlich die Franken.
âą 611â626: Die Awaren erobern den Balkan und belagern erfolglos Konstantinopel; die jĂ€hrlichen Tributzahlungen der Oströmer steigen auf zunĂ€chst 180.000 und spĂ€ter 200.000 Solidi pro Jahr.
âą 627â658: Es kommt zu zahlreichen SlawenaufstĂ€nden gegen die Awaren, der gröĂte ist jener unter FĂŒhrung des frĂ€nkischen Samo in der Gegend des heutigen Wien.
âą 659â740: Die Bevölkerung des Awarenreiches steigt und seine ethnischen Grenzen verschwinden.
âą 741: Die Baiern greifen die Awaren an, schlieĂen bald darauf aber wieder Frieden mit ihnen.
âą 773â774: Die Franken besiegen die Langobarden, wodurch die Awaren ihren wichtigsten VerbĂŒndeten verlieren.
âą 788: Karl der GroĂe ĂŒbernimmt die Macht ĂŒber die Baiern, wodurch das Awarische Reich im Westen nur mehr an das FrĂ€nkische Reich grenzt.
âą 788â790: Es kommt zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Awaren und Franken; Friedensverhandlungen scheitern.
âą 791: Ein erster Einfall der Franken kann abgewehrt werden, die Franken behalten jedoch das Land westlich des Wienerwaldes und errichten dort StĂŒtzpunkte, die als Grundstein fĂŒr die Awarenmark betrachtet werden können.
âą 795: Ein BĂŒrgerkrieg im awarischen Reich bricht aus; ihm fallen letztendlich die beiden obersten FĂŒhrer, Khagan und Iugurrus, zum Opfer. Tudun ĂŒbernimmt die Macht ĂŒber einen groĂen Teil des Awarenreiches und bittet die Franken um Frieden, was jedoch abgelehnt wird. Erich von Friaul und König Pippin von Italien fallen im geschwĂ€chten Awarenreich ein und stehlen den legendĂ€ren Awarenschatz.
⹠796: Tudun bittet neuerlich um Frieden und bietet diesmal seine Christianisierung an. Die Awarenmark wird auf das heutige Niederösterreich, Burgenland und Nordwestungarn ausgeweitet und nunmehr auch von zahlreichen tributpflichtigen Awaren besiedelt.
âą 797â799: Es kommt zu KĂ€mpfen zwischen Franken und Awaren des unabhĂ€ngigen Teils des Awarenreiches sowie zu AufstĂ€nden jener Awaren der Awarenmark, die den neuen Herrscher Tudun nicht akzeptieren; die Awaren unterliegen.
âą 803: Im dritten und letzten Awarenaufstand werden zwei frĂ€nkischen Grafen im heutigen Burgenland getötet. Das Awarenreich westlich der TheiĂ bleibt aber frĂ€nkisch und christianisierte Awaren grĂŒnden das Awarische FĂŒrstentum innerhalb der Awarenmark.
âą 804: Der bulgarische Khan Krum dringt bei seinen FeldzĂŒgen gegen die Awaren bis an die TheiĂ vor.
âą 822: Eine Abordnung der Awaren erscheint zum letzten Mal beim Kaiser in Frankfurt.
âą 827â831: Der bulgarische Khan Omurtag erobert den GroĂteil des unabhĂ€ngig gebliebenen Awarenreiches endgĂŒltig.
âą 828: Das Awarische FĂŒrstentum wird wieder aufgelöst.
âą bis 870: Tributpflichtige Awaren sind in der Awarenmark nachweisbar.
⹠ab 896: Die Magyaren finden bei ihrer Landnahme der Pannonischen Tiefebene eine awarisch geprÀgte Kultur vor.
Siedlungsgebiet
Das Siedlungsgebiet der Bevölkerung unter awarischer Herrschaft war in erster Linie die Pannonische Tiefebene (Karpatenbecken). Diese Landschaft ist die westlichste Region der Eurasischen Steppe und bot Reitervölkern mit Weidehaltung wie den Awaren gĂŒnstige Voraussetzungen. Aufgrund archĂ€ologischer Funde wird das Siedlungsgebiet der Awaren fĂŒr das 6. und 7. Jahrhundert mit ungefĂ€hr 100.000 kmÂČ und fĂŒr das 8. Jahrhundert mit etwa 140.000 bis 160.000 kmÂČ geschĂ€tzt.cite-ref-klett-cotta-47-0[47] Bedeutende Awarenfundorte auĂerhalb des Karpatenbeckens finden sich unter anderem im heutigen Bulgarien (Bononia â Widin), Kroatien (Sisak â Siscia), Slowenien (Ljubljana â Emona, Celje â Celeia), Ăsterreich (Zollfeld â Virunum, Linz, Enns â Lauriacum, Melk, St. Pölten) und Tschechien.
Bevölkerung
Neben der awarischen Oberschicht lebten verschiedene Minderheiten im Awarenreich. Schaffran spricht von einem einheitlichen Staat mit âKlientenvölkern der Awarenâ, wobei die Awaren durch ihre KunstĂŒbung âihre Klientenvölker fast vollstĂ€ndig ĂŒberlagertenâ.cite-ref-schaffran284-48-0[48] Rein quantitativ stellten die Awaren im engeren Sinn allerdings vermutlich bereits ab etwa 600 gar keine Mehrheit mehr dar. Laut anthropologischen Untersuchungen von Friedhöfen aus der Awarischen Zeit waren zwischen 30 % und 50 % âMongolid and Mongoloid typesâ.cite-ref-49[49]cite-ref-50[50] Anhand von Gefangenenzahlen nach einer geschlagenen Schlacht im Jahr 599 lĂ€sst sich der Awarenanteil grob auf zwischen 17 % und 33 % schĂ€tzencite-ref-51[51] (wobei berĂŒcksichtigt werden muss, dass FuĂtruppen eher gefangen genommen werden als berittene Soldaten). Auch der renommierte Awaren-Forscher Walter Pohl spricht davon, dass â[d]ie Zahl der Awaren, die sofort als Schlitzaugen auffielen, gering warâ,cite-ref-52[52] prĂ€zisiert an anderer Stelle jedoch, dass im 8. Jahrhundert âetwa ein bis zwei Zehntelâ der Bevölkerung des Khaganats âmongolischen Typsâ seien.cite-ref-53[53]
Die Khagane der Awaren duldeten ethnisch geschlossene KriegerverbÀnde wie (möglicherweise hunnische) Kutriguren (Ouryougo, Kovryoveo) und Protobulgaren in ihrem Reich; das Ansehen dieser Gruppen war aber niedriger als jenes der Awaren.cite-ref-54[54] Je nach Quelle werden als Bewohner des awarischen Reiches noch mehrere andere Ethnien unterschieden; Theophanes von Byzanz nennt z. B. neben den Awaren noch Bulgaren, Slawen und Gepiden. FrÀnkische Quellen unterscheiden noch mehr Sippen des Awarenreiches.cite-ref-55[55]
Die Slawen bildeten den Hauptanteil der Bevölkerung des Awarischen Reiches. Die Awaren machten einen Schutz- und Herrschaftsanspruch ĂŒber sie geltend, lieĂen sie aber im Wesentlichen ihre eigenen Ziele verfolgen; unter anderem zahlreiche EinfĂ€lle in byzantinische Regionen des Balkans.cite-ref-56[56] Beute, die slawische Heere bei Expeditionen in byzantinische Gebiete machte, musste mit den Awaren geteilt werden.cite-ref-57[57] Im awarischen Heer dienten Slawen vorwiegend als âKanonenfutterâ.cite-ref-58[58]
Protobulgaren genossen einen höheren Rang innerhalb des awarischen Reiches als Slawen und unterstanden auch direkter den Awaren. Ihre Aufgabe war es, unter anderem den sĂŒdlichen und östlichen Rand des awarischen Reiches zu schĂŒtzen.cite-ref-59[59]cite-ref-60[60] In der ab 626 einsetzenden SchwĂ€cheperiode des Awarenkhagans forderten sie diesen allerdings mehrmals heraus.
Bei der Synode an der Donau unter König Pippin von Italien im Zuge des frĂ€nkischen Feldzuges von 796 wurden christliche Gemeinschaften im Awarenreich erwĂ€hnt. Bei diesen handelte es sich vermutlich um jene geschlossenen, christlichen Bevölkerungsgruppen der Keszthely-Kultur, die im sĂŒdwestlichen Ufergebiet des Plattensees sowie in der Umgebung von PĂ©cs angesiedelt waren. Sie waren die Nachkommen der römischen Bevölkerung der Provinz Pannonia. Reiche Grabbeigaben aus Gold- und Silberschmuck deuten darauf hin, dass sie auch unter der awarischen Herrschaft nicht in vollkommener UnterdrĂŒckung gelebt haben.
HĂ€ufig wird angenommen, dass auch Gruppen mit langobardischen Wurzeln im Awarenreich gelebt haben. Eine bedeutende Gruppe waren Ăberreste der gepidischen Bevölkerung. Zudem dĂŒrften Gruppen bedeutend gewesen sein, die auf Kriegsgefangene aus dem Byzantinischen Reich zurĂŒckgehen und im Reich der Awaren angesiedelt wurden.cite-ref-klett-cotta-47-1[47]
Grenzen
Bis zur Zeit der Machtkrisen in der zweiten HĂ€lfte des 7. Jahrhunderts hatte das Reich noch keine festen Grenzen. Danach passten sich die politischen Strukturen stĂ€rker an die europĂ€ischen Machtstrukturen an. Um die Jahrhundertwende zum 8. Jahrhundert begann das Khaganat seine Siedlungsgebiete mit einem unbewohnten Grenzstreifen zu schĂŒtzen. Diese Art der Grenzsicherung ĂŒbernahmen bzw. erneuerten die Ungarn spĂ€ter in Form des GyepƱ nahezu unverĂ€ndert. Solche Grenzstreifen entstanden im Westen gegen das FrĂ€nkische Reich an der Siedlungsgrenze der Baiern entlang der Traun und dann Richtung Lorch und von Linz bis in die Umgebung von Regensburg. Die Enns bildete eine offizielle Grenze zwischen Awaren und Baiern und wird als limes certus bezeichnet.
Weitere Grenzverhaue entstehen gegen das Herzogtum Karantanien und das langobardische Königreich zwischen den FlĂŒssen Zala und Mur sowie zwischen Drau und Mur in der Region Prekmurje. Die Schanzen, die der bulgarische Khan Asparuch in den 680er Jahren gegen die Awaren aufbauen lieĂ, waren relativ weit vom awarischen Siedlungsgebiet entfernt. Dennoch sind hier im SĂŒden und Osten des Reiches gegen das Bulgarische Reich zu dieser Zeit noch keine kĂŒnstlichen awarischen Grenzen nachweisbar. Erst am Ende des 8. Jahrhunderts wurde diese Grenze an den FlĂŒssen Timok und Iskar befestigt. Im Norden, wo die Karpaten eine natĂŒrliche Grenze bildeten, gab es ebenfalls kein Schutzsystem.cite-ref-sz-ke-donau-61-0[61]
Wirtschaft, Lebensweise
Bei der Ankunft der Awaren in der Pannonischen Tiefebene war ihre Wirtschaftsbasis die Viehzucht. Wichtigstes Zuchttier war das Pferd. Daneben zĂŒchteten sie auch Rinder, Schafe eines aus dem Osten mitgebrachten Typs, Ziegen, Schweine, HĂŒhner und GĂ€nse. Die Tiere waren Fleischlieferanten fĂŒr die ErnĂ€hrung, ebenso Milch und Milchprodukte. Seit Ende des 6. Jahrhunderts betrieben sie auch Ackerbau. Die Ăcker lagen neben den Winterquartieren der Bevölkerung. Im Ackerbau wurden eiserne Sicheln und Hacken benutzt. Ăber die Bedeutung von Getreide fĂŒr die ErnĂ€hrung im Awarenreich ist wenig bekannt. Gejagt wurden Hirsch, Reh und Wildschwein. Auch Angeln wurden in GrĂ€berfeldern (selten) gefunden. Fischfang hat also ebenfalls (vielleicht in geringerem AusmaĂ) eine Rolle gespielt. Der Weinbau wurde bereits von den Römern in Pannonien eingefĂŒhrt und von den Awaren weiter betrieben.
Das groĂe Heer hatte einen enormen Bedarf an Eisen fĂŒr Waffen und Pferdegeschirr. Ăber Bergbau und HĂŒttenwesen der Awarenzeit ist ebenfalls wenig bekannt. Das Eisen wurde jedenfalls groĂteils aus Raseneisenstein vor Ort hergestellt. In Zusammenhang mit der Salzgewinnung war das Gebiet zwischen Dornstadt und Jerischmarkt in SiebenbĂŒrgen relativ dicht besiedelt. Das Handwerk im Awarenreich deckte den Bedarf der Bevölkerung. Zum Teil wurden Handwerksprodukte in Hausindustrie hergestellt. Es gab aber auch WerkstĂ€tten. Hohes Niveau erreichte die Produktion im Bereich der Metallverarbeitung. Besonders hochwertige Produkte der Eisenwaffenerzeugung und des Pferdegeschirrs wurde höchstwahrscheinlich in den Höfen des Khagans und von FĂŒrsten hergestellt.
Besonders hohes Ansehen genossen Goldschmiede. Im 8. Jahrhundert wurde die Technik des Bronzegusses im Awarenreich alleinherrschend. Weitere Bereiche des Gewerbes waren Bogenerzeugung, Sattler, Lederer, Töpferei, Textilherstellung und der Bau von Jurten. Im awarischen Binnenhandel spielte Geld als Zahlungsmittel keine Rolle.cite-ref-klett-cotta-47-2[47]
Die FĂŒhrungselite lebte im Hring des Khagans. Hierbei handelte es sich wahrscheinlich um eine feste, kreisförmig angelegte Palastsiedlung aus Zelten und HolzhĂ€usern. Sie wurde 796 beim Angriff König Pippins von Italien geplĂŒndert und vollkommen zerstört. Ăberreste dieser Herrschaftsresidenz konnten bis heute nicht gefunden werden. Sie befand sich wahrscheinlich zwischen Donau und Theiss. Die lange Zeit geltende Vorstellung, das ganze Awarenreich sei von neun kreisförmigen Befestigungsanlagen (den sogenannten Ringen) umgeben, geht auf einen Bericht des Sankt Galler Mönches Notker I. zurĂŒck und ist heute ĂŒberholt.cite-ref-beiser-62-0[62] Die Bezeichnung âHringâ geht wahrscheinlich auf dasselbe Wort zurĂŒck wie das Wort âHiung-nuâ fĂŒr eine asiatische Befestigungsanlage.cite-ref-mittelasien-63-0[63]
Aufgrund nomadischer Traditionen wurde im Awarenreich beim Siedlungsbau eher geringer Aufwand betrieben. Prestigeobjekte waren weniger aufwĂ€ndige WohnhĂ€user als Pferde und GroĂvieh. Ihre Siedlungen lagen meist am Wasser.cite-ref-64[64] Die nomadisch lebenden Teile der Bevölkerung lebten vor allem in der FrĂŒhzeit des Reiches in Jurten. Im Lauf der Zeit lebte aber ein immer gröĂerer Teil in sesshafter Lebensform. Das Gemeinvolk lebte dann in GrubenhĂ€usern, die wahrscheinlich oft als Winterquartier genutzt wurden. Es wurden mehr als 50 awarische Siedlungen mit mehreren Hunderten von GrubenhĂ€usern archĂ€ologisch erschlossen. Alle Fundorte wiesen zumeist quadratische GrubenhĂ€user auf, die mit Steinöfen ausgestattet waren. Es gab aber auch HĂ€user mit nicht eingetieften FuĂböden sowie HĂ€user oder HĂŒtten, die als provisorisches Quartier dienten. Die Verbreitung fester HĂ€user unterstĂŒtzte auch der Umstand, dass der Filz der Jurten aufgrund der relativ hĂ€ufigen NiederschlĂ€ge im Karpatenbecken schnell verdirbt.cite-ref-65[65]
Kunst, Kultur, Sprache
Die Awaren brachten den zentralasiatischen Bronzeguss nach Europa: Er zeichnet sich unter anderem durch Vergoldungen oder Versilberungen aus und breitete sich vom Awarischen Reich aus ĂŒber Europa aus. Erst spĂ€t wird er von byzantinischem Kupferblech verdrĂ€ngt.cite-ref-schaffran284-48-1[48] Die awarische Kunst des 8. Jahrhunderts zeigt eine Mischung aus asiatischem Tierstil, spĂ€thellenistischen und sassanidischen Elementen. Es wurden tausende GĂŒrtelbeschlĂ€ge mit Menschendarstellungen, Tierkampfszenen, schamanistischen Motiven, Pflanzenornamentik und Greiffiguren gefunden.
Die Kultur der Awaren in Hinblick auf Tracht, Waffen, Pferdegeschirr und BestattungsbrĂ€uche wies zentralasiatische Elemente auf. Die byzantinisch-orientalisch orientierte Tracht der awarischen FĂŒhrungsschicht bestimmte noch entscheidend die Mode des Adels der frĂ€nkischen TributĂ€rfĂŒrstentĂŒmer mit ĂŒberwiegend slawischer Bevölkerung des 9. Jahrhunderts im Bereich des ehemaligen Awarenreiches.cite-ref-szoke841-968-66-0[66] Auf BezĂŒge zum Schamanismus weisen entsprechende Darstellungen auf GĂŒrteln hin. Aus schriftlichen Quellen ist ein Hauptschamane am Hof des Khagans namentlich bekannt. Byzantinischen Quellen folgend sind aber auch buddhistische Glaubensvorstellungen denkbar. Ăber Musik und Lieder der Awaren gibt es schriftliche Ăberlieferungen bei Theophylakt.cite-ref-mittelasien-63-1[63] In GrĂ€bern wurde die Doppelschalmei und ein der Harfe Ă€hnliches Saiteninstrument gefunden.cite-ref-klett-cotta-47-3[47]cite-ref-mittelasien-63-2[63] Wichtiges Status- und Erkennungszeichen der Awaren war der mehrteilig ausgefĂŒhrte GĂŒrtel. An diesen GĂŒrteln konnte man die Abstammung und den militĂ€rischen Rang einer Person erkennen.cite-ref-beiser-62-1[62]
In awarischen GrĂ€bern wurden bislang etwa ein Dutzend Knochenobjekte mit Runenbeschriftungen gefunden. Die Schrift entspricht dem Zeichenbestand auf den GoldgegenstĂ€nden von NagyszentmiklĂłs. Möglicherweise gehen daher diese Goldfunde auf die Awaren zurĂŒck. Ăber die awarische Sprache ist aufgrund der dĂŒrftigen Ăberlieferungen nahezu nichts bekannt. Die bisherigen Einordnungsversuche können sich bislang nur auf einige wenige ĂŒberlieferte Eigennamen, Titel und Landschaftsbezeichnungen stĂŒtzen.cite-ref-pohl-46-1[46] Ob das gleichnamige Kaukasusvolk der Awaren bzw. prĂ€ziser Neu-Awaren in der russischen Teilrepublik Dagestan Nachfahren eines Teils der historischen Awaren sind, ist umstritten. Der Sprachwissenschaftler Harald Haarmann hĂ€lt es fĂŒr möglich, dass Teile der awarischen Bevölkerung bei EinfĂ€llen nach Europa im Kaukasus blieben. Dort hĂ€tte sich ihre Kultur und Sprache an das Kaukasische angepasst.cite-ref-67[67] Haarmann warf auch die Frage auf, ob die Kenntnis der sibirischen Runenschrift möglicherweise mit den Awaren nach Europa gelangt und dort möglicherweise von den Ungarn ĂŒbernommen sein könnte.cite-ref-68[68]
Nachwirkungen
âDie awarische Herrschaft, deren Schwerpunkt auf dem Gebiete Ungarns lag, hat auf die Entwicklung der europĂ€ischen Kultur Auswirkungen gehabt, von denen unsere Geschichtsschreibung heute noch kaum die richtige Vorstellung hat.â (NĂĄndor Fettich, La Trouvaille de Tombe PrinciĂšre Hunnique Ă Szeged-Nagyszeksos, 1953) In kultureller Hinsicht sind awarische EinflĂŒsse im 9. Jahrhundert beispielsweise noch im Plattensee-FĂŒrstentum nachweisbar. Danach verliert sich die eigenstĂ€ndige awarische IdentitĂ€t und Kultur.cite-ref-szoke841-968-66-1[66] Jedoch trugen die vornehmen Slawen auch nach dem Untergang des awarischen Reiches die typisch awarischen Zöpfe und charakteristischen GĂŒrtel mit Nebenriemen. Bis in die Zeiten des byzantinischen Kaisers Konstantin VII. (reg. 913â959) leiteten manche Kroaten ihren Ursprung von den Awaren her und wurden daher auch als âAwarenâ bezeichnet. Molekulargenetische Untersuchungen an Y-Chromosomen in der Bevölkerung der kroatischen Insel Hvar zeigten Merkmale, die auf eine zentralasiatische Abstammung schlieĂen lassen.cite-ref-69[69]
Die Bezeichnung Banat und der Titel Ban werden von den meisten Wissenschaftlern auf den awarischen Khagan Baian zurĂŒckgefĂŒhrt. Möglicherweise steht auch der slawische Titel Ćœupan mit Baian in Verbindung.cite-ref-70[70] Geographische Bezeichnungen wie Avaria, provincia Avarorum und sogar regnum Avarorum blieben noch bis ins spĂ€te 9. Jahrhundert eine gebrĂ€uchliche Bezeichnung fĂŒr die Regionen östlich der Enns. DarĂŒber hinaus haben zahlreiche Orts- und Personennamen noch bis heute einen awarischen Ursprung,cite-ref-71[71] insbesondere in Ungarn und Ăsterreich, aber zum Beispiel auch in Bayern (Kirchkagern, Kagen, Kaging, Tarchant etc.).cite-ref-schaffran279-41-1[41]
Aber die awarische Kultur beeinflusste nicht nur das Leben in ihrem eigenen Reich. Awarische Mythen hatten Einfluss auf die germanische und slawische Sagenwelt.cite-ref-72[72] Fast alle germanischen Völker ĂŒbernahmen von den Awaren das verzierte Zaumzeug fĂŒr Pferde und die Mode der vielteiligen GĂŒrtelgarnituren mit kunstvoll gestalteten ZierbeschlĂ€gen am GĂŒrtel selbst sowie an den Riemenzungen. Ohrringe mit groĂen AnhĂ€ngern und einige andere Schmuckformen kamen ebenfalls ĂŒber das Awarische Reich in die Modewelt Europas.
Obwohl die Awaren auf einem Ă€hnlichen geographischen Raum viel lĂ€nger regierten als die Hunnen, gingen sie nicht in die politische Legendenbildung ein. Wurde etwa bei den nachfolgenden Ungarn und Bulgaren Wert auf politische und dynastische Verbindungen mit den Hunnen gelegt, blieben an die Awaren keine mythischen Erinnerungen erhalten â mit einer winzigen Ausnahme, die ohne historische RealitĂ€t besteht: Das vom awarischen Volksnamen hergeleitete altrussische abroi bedeutet âRiesenâ.cite-ref-mittelasien-63-3[63] Die Ursache fĂŒr dieses ZurĂŒckbleiben der Wahrnehmung der Awaren hinter jener der Hunnen liegt in der Verwechslung dieser beiden Völker in der germanischen Berichterstattung des 9. und 10. Jahrhunderts.cite-ref-schaffran284-48-2[48]
KriegfĂŒhrung und MilitĂ€r
Die EinfĂŒhrung des eisernen SteigbĂŒgels und des SĂ€bels in Europa wird auf die Awaren zurĂŒckgefĂŒhrt. Der eiserne SteigbĂŒgel ermöglichte es dem Reiter, Pfeile in alle Richtungen abzuschieĂen und einen schweren panzerbrechenden Speer eingelegt zu fĂŒhren. Die awarischen Krieger brachten auĂerdem bewegliche Lamellenpanzer und Panzer fĂŒr die Pferdebrust nach Europa. Diese militĂ€rischen AusrĂŒstungen wurden von den abendlĂ€ndischen Armeen ĂŒbernommen und fanden so ĂŒber die Awaren Eingang in das spĂ€tere Rittertum.cite-ref-dopsch-steppenv-lker-2-2[2] Besonders hĂ€ufig kopiert wurden awarische Technologien vom byzantinischen Heer. Im Strategikon des Maurikios werden sowohl die Bewaffnung der Awaren (1. Buch), ihre Tapferkeit und Gewandtheit im Krieg (2. Buch) wie auch ihre Taktiken (2. und 11. Buch) detailliert beschrieben und ihre Nachahmung empfohlen, zum Beispiel die Aufstellung der Reiter je nach ihrer Funktion in der Schlacht oder die ZurĂŒckbehaltung einer Reserve.
Die âawarischen Panzerreiter, denen kein einziger Gegner â das byzantinische Heer nicht ausgenommen â erfolgreichen Widerstand zu leisten vermochteâcite-ref-73[73] werden heute als Musterbeispiel fĂŒr den Einfluss von Technologien auf den Wandel einer Gesellschaft, vor allem aber fĂŒr die Entstehung des europĂ€ischen Rittertums des spĂ€ten FrĂŒhmittelalters und des Hochmittelalters betrachtet.cite-ref-74[74] Neben den oben bereits genannten Technologien brachten die Awaren z. B. nach dem Strategikon die BootsbrĂŒcken und nach der Suda z. B. den gefransten Halsschutz und die fĂŒr die Ritter des Hochmittelalters geradezu typischen Tuniken, die wĂ€hrend des Rittes ĂŒber die Knie reichten, nach Europa. «Zugleich prĂ€chtig und nĂŒtzlich» fanden die Oströmer die awarischen Zelte, die sie ebenfalls bald nachahmten.cite-ref-75[75]
Nicht so hÀufig kopiert wie andere Taktiken und Technologien wurden die Gruppierung der Armee in Tausendschaften und Zehntausendschaften sowie die strenge militÀrische Organisation der Awaren, welche nichtsdestoweniger mindestens ebenso entscheidend zu ihren militÀrischen Erfolgen beigetragen haben.cite-ref-76[76]
SchwĂ€chen hatten die awarischen Heere insbesondere, wenn sich der Feind nicht dem Kampf stellte: Belagerungsmaschinen bauten sie erst ab etwa 586.cite-ref-77[77] Auch das letztendliche Scheitern der Belagerung von Konstantinopel im Jahr 626 wird dieser SchwĂ€che zugeschrieben: Die awarische âWunderwaffeâ, der gepanzerte Reiter, konnte nicht zum Einsatz gebracht werden.cite-ref-78[78]
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Weblinks
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: Awaren
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Eintrag zu Awaren im Austria-Forum (im AEIOU-Ăsterreich-Lexikon)
Anmerkungen
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